Laudatio für die Einführung der Ausstellung Martin Engler auf der Deutsche Bank 24, Freiburg im Breisgau, 21 Juni 2001




Laudatio zur Ausstellungseröffnung Martin Engler
Deutsche Bank 24, am 21. Juni 2001, Freibug im Breisgau

" Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele."
(Picasso)

Wir finden, wo wir am wenigsten suchen.

Als ich nach einem ersten Rundgang über diese Ausstellung darüber nachdenken wollte, was ich wohl als Laudatio, also zu Ehren des Künstlers, oder doch wohl besser zur Würdigung seiner Kunstwerke sagen könnte, da kamen mir zunächst keine Gedanken in den Kopf, sondern Gegenstände, Bilder von Gegenständen, genauer : Gegenstände als Bilder. Mit fällt das Spiel ein, das man auf längeren Spaziergängen oder an verregneten Wochenenden mit Kindern und Erwachsenen gleich gut spielen kann, bei dem es darum geht, in Vorbereitung einer Reise einen Koffer zu packen, jeder legt etwas hinein, reicht den Koffer im Geist an den Nächsten und der legt etwas dazu und der Nächste auch und so weiter; der Koffer füllt sich immer mehr, erst mit nützlichen Gegenständen und dann mit den wundersamsten Sachen und am Ende weiss nur noch einer, der Sieger, was alles sich angesammelt hat. Es ist eine scheinbar zusammenhanglose Menge der merkwürdigsten Dinge und spiegelt in der Zusammensetzung, wenn erst einmal die Zahnbürsten und Pullover abgearbeitet sind, nicht nur die brauchbare Realität, sondern auch die Träume und Sehnsüchte wider, die uns vor und nach einer Reise bewegen.

Was bewegt den modernen Zigeuner, den weitgereisten Martin Engler, was hat er uns in seinen Plexiglaskoffern mitgebracht ? Was war alles in dem virtuellen Koffer, der mir zunächst im Kopf auftauchte ? Es tauchen Stacheldraht auf und alte Arbeitsschuhe, ein Gewehr, Schachfiguren, Armierungseisen, Fussfesseln, Noten, Musikinstrumente, ein Ozeanriese, Rechnungen, Quittungen, Glocken, Uhren aller Art, mit und ohne Zeiger, Elektronikbauteile, in Singapur gefertigt, Autoteile, Kokosnüsse, eine streckt mir die Zunge raus, Bilderrahmen und eine Ziehharmonika. Erinnerungs- und Sammlerstücke.

Dieses Sammelsurium ist uns nicht als amorphe Masse geboten, sondern nach Themen geordnet, freilich so indifferent, dass jedes dieser Reliefs meiner Fantasie genügend Spielraum lässt, meine eigene Reise anzutreten und Ereignisse, Farben, Klänge und Gedanken zu erleben, mir meine eigene Wirklichkeit daraus zu bilden. Nur noch gelegentlich ein Hinweis, ein Indiz dafür, dass uns ein Maler anspricht, nämlich integrierte Bilder auf Leinwand, die auf Keilrahmen gespannt sind, ganz in der alten Tradition, und gelegentlich farbige Pinselstriche auf dem transparenten Bildträger.

Der zweite Schritt, mit dem ich mich diesen Kunstwerken annäherte, war die Neugierde gegenüber der Machart. Mach-art….Denken Sie sich das Wort mal mit Bindestrich und art kleingeschrieben, dann haben Sie die Verbindung von Handwerk zu Kunst. Ich bin versucht, die Objekte anzufassen, um zu spüren, durch welch eigentümliche Kraft sie an ihren Bildträger, das Plexiglas, gebunden sind. Hat der Artist mit Wärme und starken Folien gearbeitet und, indem er die Luft abgesaugt hat (Sie kennen die Angst vor dem luftleeren Raum aus dem Physikunterricht) die Gegenstände befestigt, ja gleichsam gebannt ? Wie auch immer. Da uns hier Bildergeschichten vor Augen sind, ist es naheliegend, an die frühesten Kunstwerke zu denken, die Fels- und Höhlenzeichnungen, oder an die Bildererzählungen der Indianer. Man vermutet, dass die Künstler damals die Tiere und Gegenstände, die gegenständliche Welt, bannen wollten, sich ihrer versichern. So modern also der Werkstoff und die Machart dieser Objekte auch ist, so weit reichen andererseits ihre Wurzeln zurück. Und auch die Verbindung mit Musik, die wir hier heute abend erleben, ist eine uralte Tradition.

Ich entnehme ausserdem der Machart die Metapher der Kraft. Wenn Sie die Arbeiten genau betrachten, und gerade dazu laden sie ein, dann werden Sie beobachten, dass beim Herstellungsprozess eine starke Kraft einwirkt, das Festhalten geschieht mit grosser Energie, die den Bilderrahmen zerbricht, das Akkordeon deformiert, das Glas über dem Ozeandampfer zersplittern lässt. Mir kam bei der Betrachtung der Gedanke, wie wir alle bei der Aneignung der Welt diese zugleich deformieren, indem wir sie in unsere Ordnung zwingen wollen.

Ein weiteres Merkmal dieser Objekte ist die Transparenz. Martin Engler verzichtet auf einen opaken Bildträger, seiner ist durchsichtig. Dadurch entsteht eine beabsichtigte Irritation, eine Unsicherheit, eine Bewegung. Hier in der Bank tauchen an Werktagen Kunden und Bankmitarbeiter nicht nur hinter, sondern gleichsam in den Bildern auf und andere Gegenstände wie Computer, Schalter oder Stühle. Und dieser Hintergrund ist veränderlich, ist in Bewegung, heute Abend werden die Objekte von Ausstellungsbesuchern bevölkert sein. Das heisst, der Künstler verzichtet bewusst auf die beruhigende Wirkung eines optisch stabilen Hintergrundes und lässt die jeweilige Umwelt zu, er ladet sie ein, macht sie zum Mitgestalter. Ich denke, das ist ein sehr gelungener Versuch.

Das Kunstwerk aus seiner üblichen Isolierung herauszulösen und gleichzeitig zu bereichern. Die Kunstwelt und die Alltagswelt sind mit einander fliessend verbunden.

Gestatten Sie mir zum Schluss noch eine politische Bemerkung, einen Gedanken zur Globalisierung. Das ist ja nun das grosse Stich- und Schlagwort geworden in letzter Zeit. Wir sollen den Globalisierungsprozess als quasi göttliche Ordnung begreifen, uns ihm nicht widersetzen und seine Segnungen akzeptieren. Gleichzeitig erfahren wir, dass die Vielfalt der Sprachen abnimmt, die Weltrüstungsausgaben wieder steigen, die Kluft zwischen Arm und Reich nicht nur bei uns, sondern auch im Weltmassstab, immer grösser wird. Die Welt wird zum globalen Dorf, sprich : überschaubarer, gleichzeitig aber auch immer schwerer verständlich und für viele beängstigend. Da kann die Kunst - vielleicht - etwas aufhellen, indem sie unser Bewusstsein schärft, unsere Sichtweise erweitert, unsere Urteilsfähigkeit flexibler macht und auch unsere Toleranz gegenüber Fremden vergrössert. Gerade dann, wenn so ein Zigeuner zwischen den Weltkulturen wie Martin Engler für uns sammelt und gestaltet.

Das schönste Kompliment ganz zum Schluss : an dieser Ausstellung werden auch Kinder ihre Freude haben, denn sie ist auch ohne intellektuelle Anstrengungen, einzig über die Sinne, zugänglich. Ihnen allen wünsche ich einen erlebnisreichen Abend.

Dr. Peter Haas
Kunstkritiker




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Kunstkritik von Lionel Chiuch, Journalist Tribune de Genève



Wenn man sich nicht mit der Leere der Welt abfinden kann, muss man sie wohl seiner eigenen Wertordnung unterwerfen. Martin Engler verleiht ihr unter grossem Einsatz verschiedener Techniken eine ihm eigene Dimension. Da die Welt nicht ein Gesamtgebilde darstellt, dessen Umrisse leicht zu erfassen wären, übersteigt sein Werk erst recht diese Vielfalt.

Deshalb versucht man vergeblich, es zu definieren, um es besser eingrenzen zu können. Dabei steht viel auf dem Spiel, weil es um die künstlerische Freiheit geht. Martin verfolgt keine genaue vorgezeigte Linie, sondern bewegt sich dorthin, wo das schöpferische Verlangen ihn treibt. Denen, die von ihm eine- oft opportunistische – Sorge um Kohärenz fordern, setzt der Künstler die lebendige Kraft seiner echten Begabung entgegen.

Jede Ideallinie ist zur Langeweile verurteilt. Wenn man nirgendwohin gehen kann, weshalb sollte man dann auf dem kürzesten Weg dorthin gelangen wollen? Als guter Nomade nimmt sich Martin Zeit für die Betrachtung. Das Wesentliche geschieht hier und jetzt. Seine Werke – Gemälde, Skulpturen oder Collagen – sind die lebendigsten Schnappschüsse dieses Spaziergangs der Gefühle. Sie zeugen von einer verloren geglaubten Unschuld. Dank ihnen finden wir die ursprüngliche Neugierde wieder, die mit Ihrer einzigartigen, vom Zufall geleiteten Bewegung vom Leben zum Leben führt.

Lionel Chiuch




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